Heute ist ein kühler regnerischer Sonntag. Wir könnten vom Wetter her im Schweizer Jura sein. Ein regnerischer Sommertag im Jura. Nur ist es Dezember. In den Läden hängt Weihnachtsdekoration und man wird mit Kitsch-Musik berieselt. Es ist Dezember und ich bin bereits ein bisschen spät dran mit meiner Weihnachtspost. Es ist nicht einfach, bei über 30° Celsius - in T-Shirt und Flipflops - an Weihnachten zu denken. Ausserdem waren die letzten Wochen (wunderbar) hektisch: Arbeitseinstieg nach Mutterschaftsurlaub, Einarbeiten von Florence, Tims Nanny (sie macht es toll!), Ankunft einer neuen Fachperson – Renate Gisler – zur Unterstützung des Home Based Care in Moomba, Landestreffen und Workshop mit zusätzlich je 2 VertreterInnen von jeder Partnerorganisation zum Thema interkulturelle Kommunikation mit Véronique Schoeffel (Cinfo Schweiz) und Marcus Buezberger (Helvetas Schweiz), Abschlussgespräch mit Runa, HIV/AIDS-Fond Zwischenberichte, Workshop und Vorstandstreffen, und VIELES mehr…
Im letzten Rundbrief habe ich versprochen, ein bisschen mehr über die aktuellen 6 Projekte des HIV/AIDS-Fonds zu berichten. Habe ich aber überhaupt irgendwann mal erzählt, was der HIV/AIDS-Fond ist? Hier seine Entstehungsgeschichte: Ernst Wildi, SMB Priester und einer der ersten Fachpersonen der BMI hier in Sambia, ist „mitschuldig“ für die Existenz des Fonds. Er hat in verschiedenen Projekten mitgearbeitet, in den letzten Jahren aber vor allem im „Our Ladys Hospice“. Dort begleitet er als Seelsorger u.a. (AIDS) Patienten. Im Zusammenhang mit seiner Arbeit im Bereich HIV/AIDS wurde ein Dokumentarfilm gedreht. Als Reaktion gab es viele Spenden, die gemäss dem Wunsch der Spendenden nach Sambia und für Arbeit im Bereich HIV/AIDS eingesetzt werden. Kerngeschäft der BMI ist nicht die Finanzierung von Projekten, sondern die Unterstützung von lokalen Organisationen durch den Einsatz von Fachpersonen. Der HIV/AIDS-Fond ist also eine Ausnahme und existiert nur solange, bis die Spenden alle genutzt wurden.
Dieses Jahr gab es Startkapital und Beratung für zwei Restaurants, zwei Zementblöcke-
Geschäfte (Produktion und Verkauf, die Blöcke sind etwas grösser als Ziegelsteine und werden für den Bau hier in Sambia verwendet), einem Gemüsegarten und einer Maismühle (das Mehl wird für das Grundnahrungsmittel Nshima gebraucht). Alle 3 Monate sind Zwischenberichte fällig. Diese werden an einem halbtägigen Workshop besprochen, an welchem alle Organisationen mit 2 Leuten vertreten sind,. Das Treffen wird auch genutzt um Informationen auszutauschen, Fragen zu stellen, Tipps und Gelerntes weiterzugeben und die Projekte miteinander zu vernetzen. Am letzten Treffen beschlossen die Teilnehmenden, die verschiedenen Projekte zu besuchen. Am 30. November besuchten wir daher alle gemeinsam das Gemüsegartenprojekt.
Für mich sah der Tag folgendermassen aus: Um 6.30 Uhr kam Florence. Während sie Tim badete und seine Sachen packte, ass ich Frühstück und half Precious nicht die Zeit zu vertrödeln. Kurz vor 7 Uhr bekam ich eine Sms von der Grossmutter von Bobo. Bobo nehmen wir morgens jeweils mit zur Schule. Er ist 8 Jahre alt und hat nur Flausen im Kopf. Es regnete und Bobos Grossmutter fragte, ob es auch noch Platz für „sie“ im Auto habe. Kurz nach 7 Uhr fuhren wir los. Ich, mit Florence und Tim vorne. Precious, Bobo, Grossmutter, Tante und noch eine Frau hinten, auf und zwischen Wasser und Keksen für den Projektbesuch. Es regnete in Strömen. Um 7.30 kamen wir zur Great North-Strasse. Renate Gisler wartete bereits mit ihrem Auto. Renate Gislers Scheibenwischer funktionierte nicht. Ich tauschte meinen Linken mit ihrem Rechten. Dann ging es weiter. Bei der Schule setzten wir Kinder und Nachbarsfamilie ab. Um 8 Uhr waren wir bei der katholischen Kirche in Roma. Noch niemand da. Also warteten wir. Nutzten die Zeit, um Dinge zu besprechen und mit Tim rumzualbern.
Nach allgemeiner Vorstellungsrunde führt uns Francis Sichone vom Natural Resource Development College durch den Garten. Er hat zu Beginn des Projektes in einem 5-tägigen Kurs Mitarbeitende von Kondwa in (biologische) Garten-Grundkenntnisse eingeführt und begleitet nun das Projekt noch eine Weile, bis die Mitarbeitenden den Garten selbständig führen können. Uns zeigten sie die verschiedenen Gemüse, demonstrierten, die Tropfbewässerungsanlage und wir diskutierten die verschiedenen (Markt) Vor- und Nachteile von Gemüse. Es ist viel passiert seit dem Beginn des Projektes. Statt über eine Fläche mit ein paar Bäumen gehen wir nun durch einen reich bepflanzten
Das Gemüse wird zu einem Teil zum Kochen gebraucht, zum anderen Teil verkauft. Mit dem Erlös werden Kosten der Schule und des Tageszentrum beglichen. Ein Teil des Erlöses wird auch wieder in den Garten investiert. Der nächste Bericht im Januar wird zeigen, ob der Gemüsegarten profitabel ist und inwiefern er die Organisation unterstützt. Angela hat sich ein gutes Netzwerk an Partnern aufgebaut, die die Organisation mittragen. Aber das Fundraising braucht sehr viel Zeit und eine gewisse Unsicherheit besteht immer. Es ist zudem zunehmend schwierig, für laufende Kosten (Löhne, Material,…) Spendengelder aufzutreiben. Der Gemüsegarten wird hoffentlich dazu beitragen, dass Kondwa finanziell etwas sicherer auf den Beinen steht und nur für grosse Neuanschaffungen Fundraising betreiben muss.
Wir besuchen anschliessend auch die Klassenzimmer. Die Kinder einer Klasse machen gerade Pause und springen auf alten Autoreifen rum. Die andere Klasse sitzt am Boden um die Lehrerin. Sie erzählt eine Geschichte. Alle Klassenzimmer sind für hiesige Verhältnisse gut ausgestattet und mit viel Liebe dekoriert. Wir schauen uns auch die Küche an. Die beiden Köchinnen beginnen gerade das Nshima in einem riesigen Topf vorzubereiten. Die Kochkelle könnte gut auch ein Kanupaddel sein.
Für mich sind Projekte wie das Kondwa Tageszentrum und Angela’s unermüdlicher Einsatz kleine Wunder. Sambia ist ein raues Pflaster. Über 60% der Bevölkerung lebt in bitterer Armut. Korruption bestimmt das System und die regierende Elite hat kein Interesse an einem Wechsel. Schule ist teuer und schlecht. Gute Schulen unbezahlbar (und rar). Das Gesundheitswesen marode, trotz massiven Spenden aus dem Ausland. 10 -15% der Bevölkerung leben mit dem HI-Virus, noch immer haben wir Choleratote während der Regenzeit (obwohl die Behandlung einfach ist) und die Kind/Muttersterblichkeit ist höher als in Afghanistan. Sambia gehört zu den 15 ärmsten Ländern der Welt. Dies ist schwer nachvollziehbar, denn eigentlich ist Sambia ein reiches Land, mit viel Kupfer, 40% des gesamten Wasservorkommens in Afrika und viel (ungenutztem) fruchtbarem Land (ca. 18 mal die Fläche der Schweiz, bei einer Bevölkerung von 12 Millionen).
Projekte wie Kondwa zeigen, dass einige Menschen sich auch hier in Sambia trotz all der Widerstände um ihre Mitmenschen kümmern. Für mich sind Projektbesuche immer wieder Motivation für meine Arbeit. Entwicklungszusammenarbeit wird oft hinterfragt und ist oft fragwürdig. Sambia ist ein gutes Beispiel für „dead-aid“. Die Gelder an die Regierung tragen u.a. dazu bei, dass das System sich erhalten kann. Aber ohne Unterstützung müsste das Kondwa-Center schliessen. Vielleicht ist die Arbeit von Angela Malik ein Tropfen auf den heissen Stein in der Entwicklung von Sambia, aber sicher macht es einen grossen Unterschied im Leben der 170 Kondwa Kinder.
Referent Chongo Phiri von Heart of Mearcy sagte im Anschluss an den Projektbesuch, dass die Arbeit von Angela provozierend sei. Provozierend im Sinn von einem guten Beispiel, das zeigt, dass viel getan werden kann.
Gegen 14 Uhr essen Renate, Florence, Tim und ich Mittagessen im Einkaufszentrum Manda Hill. Mit all den Eindrücken und etwas ausgehungert ist die Welt des Shopping-Zentrums ein kleiner Schock. Ein Wechselbad à la Sambia. Ich schliesse den Tag ab mit einem Besuch im Büro. Emails, Finanzen,… und einem kurzen Blick auf die Fotos vom Projektbesuch.
Für die vielfältige Unterstützung in diesem Jahr von vielen Seiten möchte ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken. Meine Arbeit wäre u.a. auch nicht möglich ohne Spenden aus der Schweiz und ohne eure „moralische“ Unterstützung. Ein herzliches Dankeschön auch nach Immensee, wo unermüdlich Fundraising betrieben wird und sich manch einer wohl manchmal einen grossen „Gemüsegarten“ wünscht.
Ich wünsche Euch von Herzen eine schöne Adventszeit, besinnliche Weihnachten und einen guten Rutsch ins nächste Jahrzehnt.
Big Hug and lots of love,
M
No comments:
Post a Comment